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Das Bündel


Ein Wanderer – nennen wir ihn einen Freund der Chronik – schritt in der sinkenden Dämmerung von Venenien her auf die geschichtsträchtige Neumarktbrücke zu. Die Silhouette des Doms erhob sich bereits wie ein drohender Wächter gegen den purpurnen Himmel, als er eine Gestalt auf der Brücke gewahrte. Eine Frau.
​Doch es war kein gewöhnliches Innehalten. 
Ihre Bewegungen waren hastig, nervös, fast fiebrig.
 Sie nestelte an ihrem Gewand, bis sie ein kleines, in bleiches Leinen gewickeltes Bündel hervorholte.
​Dann, ohne ein Wort, hob sie das Bündel und übergab es den kalten Fluten der Saale.
​Als sie den Zeugen bemerkte, der aus dem Schatten trat, stand ihr der Schrecken ins Gesicht geschrieben. 
Es war der Blick einer Ertappten, die ein Geheimnis hütete, das älter ist als die Stadtmauern selbst.
 Wortlos und eiligen Schrittes verschwand sie in der Dunkelheit, während das Wasser das Bündel unerbittlich mit sich riss.
​Was hat die Saale dort verschlungen?
War es ein „Ersatzopfer“? Eine jener Leinenpuppen, die man im Volksglauben nutzt, um Krankheit, Fluch oder Unglück von sich abzustreifen und dem fließenden Wasser zu übergeben?
 
​Die Neumarktbrücke schweigt, wie sie es seit Jahrhunderten tut. Doch wer in der Dämmerung dort verweilt, sollte den Fluss genau beobachten. Denn nicht alles, was man der Saale übergibt, bleibt in der Tiefe verborgen. 
Manche Opfer fordern ihre Wiederkehr.

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