Wer im fahlen Licht eines frühen Morgens über den Gertraudenfriedhof in Halle spaziert, spürt sie sofort: diese ganz besondere, andächtige Stille. Doch wer den Blick nach oben richtet, zur großen Terrasse vor der Feierhalle, blickt in das steinerne Antlitz zweier Giganten.
Auf zehn Meter hohen Säulen thronen sie dort – zwei Akte, die den ewigen Kreislauf unserer Existenz bewachen.
Auf der einen Seite: ein junger Mann, der stolz eine brennende Fackel gen Himmel streckt. Das pure, pulsierende Leben .
Auf der anderen Seite: eine Frau, deren Fackel erloschen ist und nach unten zeigt. Der unausweichliche Tod .
Heute wirken sie, als wären sie schon immer da gewesen.
Doch hinter diesen Säulen verbirgt sich ein jahrzehntelanges Rätsel, das bis heute die Gemüter erhitzt.
Der Tag, an dem das Leben und der Tod verschwanden
Wir schreiben den Dezember 1988. Es ist die Endzeit der DDR, die Tage sind grau und die Nächte lang. Auf dem Friedhof herrscht gähnende Leere.
Doch als die Friedhofsmitarbeiter an einem eisigen Morgen den Dienst antreten, trauen sie ihren Augen nicht.
Die monumentalen Originalfiguren des Künstlers Paul Horn, die seit der Eröffnung des Friedhofs im Jahr 1914 dort oben über die Toten gewacht hatten, sind weg. Einfach ausradiert.
Zurück blieben nur zwei leere, nackte Sandsteinkapitelle, die wie steinerne Anklagerufe in den Winterhimmel ragten.
Wie stiehlt man unbemerkt zwei tonnenschwere Kolosse von einer meterhohen Terrasse?
Wer besaß die Dreistigkeit – und die nötige schwere Technik –, um mitten in der Nacht auf einem Friedhof eine solche Aktion durchzuziehen?
In der Stadt brodelte die Gerüchteküche.
War es eine Nacht-und-Nebel-Aktion der DDR-Behörden, weil die Skulpturen marode waren und abzustürzen drohten? Wurden sie heimlich verschrottet oder gar in den Westen verkauft, um Devisen zu beschaffen?
Oder steckte ein privater Kunstsammler dahinter, in dessen Garten die Wächter von Halle fortan ein bizarres Schattendasein fristeten?
Offizielle Akten oder Berichte zu der Demontage? Fehlanzeige.
Bis heute umgibt das Verschwinden der Originale ein eisiges Schweigen.
Die Figuren blieben spurlos verschwunden, als hätte der Nebel der Saale sie einfach verschluckt.
Über drei Jahrzehnte blieben die Malsäulen verwaist.
Eine Generation von Hallensern wuchs auf, ohne jemals zu wissen, wer dort oben eigentlich wachen sollte.
Die Leere auf den Säulen wurde zu einem Symbol für das Vergessen.
Doch im September 2020 wendete sich das Blatt.
Nach alten historischen Fotografien und mit unglaublichem Fingerspitzengefühl schuf die Schweizer Bildhauerin Maya Graber die verloren gegangenen Wächter neu.
Unter den staunenden Blicken der Hallenser wurden die neuen Skulpturen mit einem Kran wieder auf ihre alte Heimat gehoben.
Wenn du das nächste Mal vor der Feierhalle stehst und deine Kamera zückst, schau genau hin.
Sie erzählen uns nicht nur die Geschichte von Werden und Vergehen Das Leben und der Tod sind zurück in Halle.
Und sie wachen weiter.



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