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Der Leibhaftige im Gewand


Habt ihr schon einmal vor einem jahrhundertealten Kunstwerk gestanden und das unheimliche Gefühl gehabt, dass es ein Geheimnis verbirgt?
 Dass zwischen den Pinselstrichen eines alten Meisters ein Code vergraben liegt, den nur die Wenigsten entziffern können?
​Genau so ein Erlebnis hatte ich vor Kurzem im monumentalen Erfurter Dom.
 Wenn man die gewaltigen Domstufen hinaufsteigt und die gotische Südwand betritt, gibt es einen Anblick, dem sich niemand entziehen kann: Ein rund 50 Quadratmeter großes, monumentales Wandmalerei-Meisterwerk des Heiligen Christophorus aus dem Jahr 1499.
 Vermutlich erschaffen von Meister Linhart Koenberg, zieht der Riese jeden Blick magisch an.
​Doch ich war nicht hier, um nur die feine Spätgotik zu bewundern. Ich war hier für ein theologisches Krypto-Protokoll. Ich war auf der Jagd nach einem über 500 Jahre alten „Easter Egg“ – der versteckten Fratze des Leibhaftigen.
​Der Quellcode der Legende: Warum der Teufel im Mantel steckt.
​Um zu verstehen, warum sich der Widersacher überhaupt auf diesem heiligen Bild herumtreibt, müssen wir den historischen Hintergrund der Christophorus-Legende betrachten.
 Bevor Christophorus zum treuen Diener des Christuskindes wurde, war er laut der Sage ein wilder, heidnischer Riese namens Reprobus. 
Sein Lebensziel? Nur dem absolut mächtigsten Herrscher der Welt zu dienen.
​Seine erste Station war ein mächtiger König. 
Doch als dieser beim bloßen Namen des Teufels vor Angst zitterte, dachte sich der Riese: „Ah, der König ist schwach, der Teufel ist mächtiger.“
 Also zog er weiter und diente fortan dem Satan. 
Erst als er Zeuge wurde, wie der Teufel selbst vor dem Zeichen des Kreuzes floh und erzitterte, verließ er ihn, um den wahren Herrn – Christus – zu suchen.
​Der Meister von 1499 baute dieses Suchbild nicht aus reinem Jux ein. Es ist eine theologische Meta-Ebene: Indem Koenberg die Fratze des Teufels im gewaltigen, dynamischen Faltenwurf des Mantels versteckte, fror er die dunkle Vergangenheit des Heiligen bildlich ein. 
Die Sünde hängt ihm quasi noch am Rockzipfel. 
Sie bildet das visuelle Fundament, aus dem sich Christophorus herausschält, während er das Jesuskind durch die Fluten trägt.

​Falls ihr nun selbst nach Erfurt reist, werdet ihr das Gesicht vermutlich nicht auf Anhieb entdecken. Das liegt an zwei logischen System-Faktoren:
​Das Skalierungs-Problem: Das Bild ist gigantisch.
 Wenn man direkt davor steht, verzerrt die dreidimensionale Perspektive die feinen Linien des Künstlers.
​Der Alterungs-Bug: Das Bild wurde über die Jahrhunderte – besonders nach einem verheerenden Brand im Jahr 1717 und während des 19. Jahrhunderts – mehrfach übermalt und restauriert. 
Die ursprünglichen, messerscharfen Konturen dieses mittelalterlichen Vexierbildes (so der kunsthistorische Begriff für Suchbilder) wurden dadurch teilweise weichgezeichnet.

Im Spätgotischen Faltenstil wurden Kanten extrem hart und eckig gezeichnet. 
Wenn ihr euren Blick nun ein wenig defokussiert – genau wie bei diesen magischen 3D-Suchbildern aus den 90er-Jahren –, passiert das Magische: 
Die tiefen Schatten der Stofffalten und die aufgespritzten Gischtkronen des Wassers formen plötzlich dunkle Augenhöhlen, eine hakenförmige Nase und ein hämisch grinsendes Maul.
​Es ist ein meisterhaftes Spiel aus Licht und Schatten. Ein versteckter Code aus dem Jahr 1499, der darauf wartet, von euch entschlüsselt zu werden.
​Habt ihr den Mut, genau hinzusehen? 

Welche verborgenen Symbole habt ihr schon in alten Kirchen entdeckt? 

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