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Die heilige Theodika

Es war in den Tagen des Bischofs Werner, der zwischen 1063 und 1093 das Bistum Merseburg regierte, als eine junge, unschuldige Jungfrau in der Stadt eintraf.
 Niemand vermochte mit Gewissheit zu sagen, aus welchem fernen Lande sie kam oder welches Blut in ihren Adern floss.
 Die Gerüchte im Volk überschlugen sich: Die einen munkelten, sie sei eine Schwestertochter des mächtigen Kaisers Heinrich IV. Andere wiederum sahen in ihr ein Kind Rudolfs von Schwaben – jenes unglücklichen Gegenkaisers, der 1080 in der blutigen Schlacht bei Hohenmölsen seine rechte Hand und sein Leben verlor und dessen sterbliche Hülle im Merseburger Dom ruht. 
Es hieß, sie sei gekommen, um ihr eigenes Leben im Schatten des väterlichen Grabes zu beschließen.  
​Anfänglich hauste sie in der Altenburg bei armen Bauersleuten, doch trieb sie ein düsterer, gottesfürchtiger Drang nach absoluter Abkehr von der Welt. Sie flehte den Abt des Klosters St. Petri an, ihr einen Ort der Zuflucht zu gewähren. Und so errichtete man ihr – abgewandt vom Licht, gegen Mitternacht in einem verlassenen Winkel des alten Friedhofs hinter der Klosterkirche – ein winziges, jämmerliches Hüttchen aus bloßen Steinen, Erde und Rasenstücken.  
​Bischof Werner, von Mitleid oder Ehrfurcht ergriffen, befahl den Mönchen, die Einsiedlerin mit dem Nötigsten an Speise, Trank und Kleidung zu versorgen. Doch Theodika wählte den Pfad der extremsten Entsagung. Sie fastete so unerbittlich und geißelte ihren eigenen Leib derart, dass das Fleisch von ihren Knochen schwand und sie zu einer wandelnden, schwachen Schattengestalt abmagerte.  
​Doch das Schauerlichste an ihrer Buße blieb den Augen der Lebenden lange verborgen: Um ihren bloßen, ausgemergelten Leib trug sie heimlich einen schweren, eisernen Reifen. Auch ihre Arme und Beine waren in eiserne Ringe geschmiedet, die sich tief in die Haut schnitten. Erst als der Tod sie von ihren irdischen Qualen erlöste, fand man diese grausamen Instrumente der Selbstgeißelung. Man ließ die Ringe durch einen Schmied aufbrechen und bewahrte sie fortan als heilige Reliquien im Kloster auf.  
​Theodika wurde inmitten der düsteren Kirchenhalle beigesetzt.  
​Jahrhunderte vergingen, das Kloster zerfiel, doch die Erde vergisst nicht. Am 5. Juni 1844 stießen Arbeiter bei Ausgrabungen im alten Klosterhof der Altenburg auf einen mächtigen, uralten Steinsarg. Als man den schweren Deckel hob, fand man im Inneren tatsächlich einen jener sagenumwobenen eisernen Ringe. Um das Jahr 1850 wurde dieser Sarg in die Johanniskapelle des Merseburger Domes überführt, wo er von den Schauern der Vergangenheit kündet und als die letzte Ruhestätte der heiligen Theodika angesehen wird.

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