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Die Entweihung des Asyls


​Es war einmal ein Ort des Trostes.
 Die Kirche der ehemaligen Landes-Heil- und Pflegeanstalt in Halle diente über Jahrzehnte hinweg als jener Ort, an dem die Seelen derer, die der Verstand verlassen hatte, ihre letzte Ruhe fanden. Hier wurden die Trauergottesdienste für die „Verrückten“, die Ausgestoßenen und Gepeinigten abgehalten. 
Die Wände tranken die Tränen des Wahnsinns und die Gebete um Erlösung.
​Doch nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zog eine neue Macht in die Hallen. Die sowjetischen Besatzungstruppen deklarierten das Areal zur Kaserne. Und die Kirche? 
Sie erlitt den ultimativen Frevel.
​Wo einst der Altar stand und das gedämpfte Licht durch die Fenster brach, wurden nun Ringe aufgehängt, Kletterstangen im Gebälk verankert und hölzerne Sprungböcke aufgestellt. 
Das Gotteshaus wurde zur Turnhalle. Ein profaner Ort des Drills, an dem das Keuchen schwitzender Soldaten die heilige Stille durchschnitt.

​Der Frevel blieb nicht ungesühnt. Es dauerte nicht lange, bis sich unter den russischen Soldaten Gerüchte verbreiteten.
 Die Rede war von plötzlichen Kältebrücken, vom Zischeln in den Ecken der Empore und – weitaus schlimmer – von Ablenkungen im Augenblick der höchsten Anstrengung.
​Augenzeugen und alte Berichte flüstern von grauenhaften Sportunfällen, die sich rational kaum erklären ließen:
​Der Sturz aus dem Himmel: Junge, durchtrainierte Soldaten kletterten die Stangen empor. Nahe der Decke, dort wo einst die Weihrauchschwaden hingen, erstarrten sie plötzlich. 
Es hieß, sie starrten in die Fratze eines unsichtbaren Zuschauers, der vom Gebälk herabhing. Der Griff lockerte sich.
 Ein markerschütternder Schrei, gefolgt vom dumpfen Aufprall auf dem harten Holzboden. 
​Der Sprung in den Abgrund: Beim Bockspringen verloren Soldaten mitten im Flug die Orientierung. Als hätte eine unsichtbare Hand sie aus der Bahn gerissen oder ein plötzliches, geisterhaftes Gesicht directly vor ihnen die Sicht genommen, stürzten sie kopfvoran in den Genickbruch.
​„Es waren nicht die Muskeln, die versagten. Es war der Verstand. Sie sahen etwas, das nicht da sein durfte, und das Jenseits forderte seinen Tribut.“
​Die Seelen fordern ihre Ruhe
​Es waren die Geister derer, denen man zu Lebzeiten den Verstand absprach, die nun den Verstand der Besatzer prüften. Die Seelen der Verstorbenen, deren Gedenkstätte entweiht worden war, duldeten den Lärm und den Spott nicht. Jeder dumpfe Aufprall einer Matte, jedes militärische Kommando war eine Beleidigung für die Toten. Sie forderten ihre Ruhe ein – mit dem Leben derer, die sie störten.
​Die Turnhalle der Sowjets wurde hinter vorgehaltener Hand gemieden, manch ein Soldat simulierte lieber eine Krankheit, als in der Dämmerung die Halle für die Abendübungen zu betreten. Denn im Schatten der Kletterstangen wartete der Wahnsinn, bereit, erneut zuzuschlagen.

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