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Der Bildstock

Eine filigrane Betsäule steht am Universitätsring in Halle.
 Sie stammt aus der Spätgotik (um 1450) und gehört zu den ältesten und wertvollsten sakralen Kleindenkmalen der Stadt.
 Das Sandsteinrelief zeigt die Kreuzigungsszene Christi. 
 Als die Pest in Halle wütete, verstarben die Bürger zu Tausenden. Die Friedhöfe innerhalb der Stadtmauern waren so überfüllt, dass man die Toten nachts vor die Tore karren musste.
 Ein angesehener hallescher Ratsherr, der fast seine gesamte Familie an den  schwarzen Tod verloren hatte, verfiel dem Wahn. 
Er schwor in seiner Verzweiflung einen schrecklichen Eid: Wenn Gott seine letzte verbliebene Tochter rettete, würde er eine Säule errichten lassen, vor der jeder Vorübergehende ein Gebet für die armen Seelen sprechen müsse. 
Starb sie jedoch auch, wollte er seinem Glauben entsagen.
 Das Mädchen überlebte die Fiebernacht nicht. 
Der Ratsherr brach sein Versprechen nicht nur, sondern fluchte schrecklich gegen den Himmel. Kurz darauf verschwand er spurlos.
 In stürmischen Herbstnächten, wenn der Wind durch die Kronen der alten Bäume am Universitätsring pfeift, will man eine dunkle Gestalt im langen Tuch vor der Betsäule knien sehen. Sie schlägt verzweifelt die Hände vor das Gesicht, bringt aber keinen einzigen Laut heraus – der verdammte Geist des Ratsherrn, der bis in alle Ewigkeit versucht, das Gebet nachzuholen, das er einst im Zorn verweigerte. 

 Die Überlieferung besagt, dass die halleschen Bürger kurz nach dem Verschwinden des Ratsherrn auf mysteriöse Weise Geld und Steine vor dem Töpfertor fanden – genau dort, wo die Säule heute steht. Ein anonymer Steinmetz meißelte in jahrelanger Nachtarbeit das Kreuzigungsrelief.

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