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Die Köpfe am Unterhof zu Frankleben



An dem alten Rundbogenportal des im Renaissancestil errichteten Franklebener Wasserschlosses nahe der Kirche, dem sogenannten Unterhof, befinden sich unter der Jahreszahl 1509 und dem Boseschen Wappen zwei mittlerweile restaurierte Menschenköpfe, links vom Beschauer ein Männerkopf, rechts ein Frauenkopf.
Es geschah in einer frostigen Nacht des 16. Jahrhunderts. Die einzige Tochter des Schlossherrn war plötzlich dahingerafft worden. 
Die Trauer im Unterhof war unermesslich, als man das junge Edelfräulein für die ewige Ruhe aufbahrte. 
Doch mit dem Tode schwollen ihre schlanken Finger rasch an – die kostbaren, edelsteinbesetzten Familienringe ließen sich nicht mehr von ihren Händen streifen. 
So bahrte man sie mitsamt ihrem Geschmeide in der Kirche auf.
​In der Stunde vor dem Begräbnis schlich der hiesige Totengräber in die düstere Totenkammer. 
Vom Glanz des Goldes getrieben, wollte er sich an der Leiche bereichern. Doch selbst seine rauhen Hände vermochten die Ringe nicht abzuziehen. Vom Gierwahn gepackt, zog der Mann sein geschärftes Messer, um die Finger der Toten kurzerhand abzutrennen.
​Doch der Schmerz traf keine Leiche: Das Edelfräulein lag nur in tiefen Scheintod!
​Ein gellender Aufschrei durchbrach die Stille. Als das Blut aus der Wunde sickerte, schlug die Totgeglaubte die Augen auf.
 Der Grabschänder, zu Tode erschrocken über das vermeintliche Wunder, ließ Messer sowie Laterne fallen und floh panisch in die Dunkelheit.
​Zitternd, bleich und nur gehüllt in ihr weißes Sterbekleid, nahm die Gerettete das flackernde Licht und schleppte sich durch die feuchte Nacht zurück zum Unterhof.
​An das schwer beschlagene Eichentor klopfend, flehte sie ihren Vater um Einlass an. Der Schlossherr, geplagt von Trauer und Aberglauben, trat ans Fenster. Als er seine Tochter im Totenhemd sah, verkrampfte sich sein Herz vor Schreck:
​„Du bist ein Geist, der mir nach dem Leben trachtet!
 Ich öffne dieses Tor erst, wenn meine verstorbenen Geschwister an den Fenstern ihrer Schlosszimmer erscheinen!“
​Der Schlossherr blickte voller Entsetzen zu den oberen Etagen empor. Und siehe da: An den dunklen Fensterscheiben zeichneten sich schemenhaft die antlitzgleichen Gestalten seiner längst dahingeschiedenen Geschwister ab, die sanft auf die Tochter hinabblickten!
​Mit Freudentränen in den Augen erkannte der Vater das göttliche Zeichen, riss die schweren Riegel zurück und schloss sein totgeglaubtes Kind in die Arme. Zur ewigen Erinnerung an das Wunder und den Beistand aus dem Jenseits ließ der Edelmann die Köpfe seiner Geschwister direkt am Portal des Unterhofs meißeln.

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