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Die Domvorhalle

Wer heute durch die historische Altstadt von Goslar schlendert, begegnet auf Schritt und Tritt kaiserlicher Pracht. Doch am Rande der Kaiserpfalz steht ein Bauwerk, das auf den ersten Blick seltsam unvollständig wirkt: 
die einsame Domvorhalle.
 Sie ist der letzte verbliebene Rest des einst gewaltigen Goslarer Doms St. Simon und Judas, der im 19. Jahrhundert dem Erdboden gleichgemacht wurde. 
 Die Vorhalle wirkt friedlich, fast andächtig. Doch hinter ihren dicken Sandsteinmauern verbirgt sich eine der blutigsten und skandalösesten Tragödien des deutschen Mittelalters – ein historiques Drama, das selbst Game of Thrones in den Schatten stellt: Die Goslarer Blutweihnacht von 1063. Zwei Männer, ein Altar – und maßlose Gier nach Macht Stell dir vor: Es ist der 24. Dezember 1063. Der Hofstaat des Heiligen Römischen Reiches hat sich in Goslar versammelt, um das Weihnachtsfest zu feiern. Mit dabei ist der erst 13-jährige König Heinrich IV. Die Stimmung soll festlich sein, Weihrauch liegt in der Luft, Kerzen erleuchten das Kirchenschiff. Doch unter den geistlichen Würdenträgern brodelt ein giftiger Machtkampf. Es geht um eine Frage, die für uns heute lächerlich klingt, damals aber die Ehre des gesamten Standes definierte: 
Wer darf während der Messe direkt neben dem Erzbischof sitzen? Auf der einen Seite steht Abt Widerad von Fulda – stolz, unnachgiebig und auf sein überliefertes Recht bedacht. Auf der anderen Seite steht Bischof Hezelo von Hildesheim – ehrgeizig, durchsetzungsstark und bereit, über Leichen zu gehen. Schon im Sommer hatten sich die beiden wegen der Sitzordnung gestritten. Doch was Hezelo für den heiligen Weihnachtsabend geplant hatte, überstieg jede Vorstellungskraft. Die Falle hinter den Kulissen Hezelo überließ nichts dem Zufall.
 Heimlich hatte er den Grafen Ekbert von Braunschweig und eine Truppe schwer bewaffneter Krieger in die Kirche geschmuggelt. Sie versteckten sich im Schatten der Altäre und hinter den dicken Säulen nahe der Vorhalle. Als die Feierlichkeiten beginnen und Abt Widerad von Fulda wie gewohnt seinen Ehrenplatz einnehmen will, schlägt die Falle zu. 
 Auf ein Zeichen des Bischofs stürmen die versteckten Soldaten mit gezogenen Schwertern hervor. Was in der Vorhalle mit lautstarken Beschimpfungen beginnt, verwandelt sich innerhalb von Sekunden in ein unbarmherziges Gemetzel. Die Männer des Abtes von Fulda greifen zu allem, was sie finden können – Bänken, Holzstangen, Kerzenständern –, um ihr Leben zu verteidigen. Der Altar im Blutbad Der mittelalterliche Chronist Lampert von Hersfeld hielt das Schaudern dieses Tages für die Nachwelt fest. Mitten im Gotteshaus wütet eine offene Schlacht. Schreie der Sterbenden hallen von den gewölbten Decken wider, das Klirren der Klingen übertönt die Choralgesänge. 
 Krieger werden direkt vor den Augen des entsetzten, weinenden Kindkönigs Heinrich IV. niedergemetzelt. Das Blut der Gefallenen spritzt auf die heiligen Gewänder der Priester, überflutet die Stufen und vermischt sich auf dem Altar mit dem Weihwasser. 
Die Hildesheimer überrennen die Fuldaer Männer gnadenlos. Am Ende liegen Dutzende Leichen auf dem blutgetränkten Steinboden der Stiftskirche. Der Fluch der Schatten Ein Massenmord am Weihnachtsabend, auf heiligem Boden, im Angesicht des Königs – ein solches Sakrileg hatte das Reich noch nicht gesehen. 
Die Zeitgenossen waren überzeugt: Dieser Tag lud einen fluchbeladenen Schatten auf das Reich und den jungen König. Und tatsächlich: Heinrich IV. sollte später eine der turbulentesten und tragischsten Herrschaften der deutschen Geschichte erleben, die im berühmten, demütigenden Gang nach Canossa gipfelte. 
 Der gewaltige Dom von Goslar ist längst Geschichte. Nur die Domvorhalle trotzt bis heute dem Zahn der Zeit.

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