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Der Wall


Heute erzähle ich wieder mal ein persönliches Erlebnis, Wanderer!

Im Jahre 1975 war ich mit meinen Eltern und meinem Bruder in den Sommerferien in dem Örtchen Kloster auf der Insel Hiddensee.  
Zu Zeiten der DDR war es fast schon ein spezielles Privileg einen Urlaubsplatz auf dieser Insel zu ergattern. 
Wir hatten gutes Wetter und es versprach ein traumhafter Urlaub zu werden. 


Der einzige Makel bei diesem herrlichen Bade und Sonnenurlaub war der Brandungsschutz am Strand.
 Dieser bestand nämlich nicht aus Buhnen , wie sonst an der Ostsee üblich, sondern aus unregelmäßig großen Granitbrocken die zu einem Wall entlang des Badestrandes aufgetürmt waren. 
Der Wall war etwa 1,50 m hoch und 5m breit und hatte aller 500m einen Durchlass für Badegäste. 
Das Besteigen oder Überklettern des Walls war streng verboten.
Wenn einen der Bademeister erwischt hätte , gäbe es drakonische Strafen , hieß es , bis hin zum Verlassen der Insel.
Unglücklicherweise stand unser Strandkorb fast genau mittig zwischen zwei der “Durchlässe” , sodass man gezwungen war immer jeweils nach rechts oder links erst einmal 250m zu laufen. 
Ich habe mich auch die erste Woche an das Verbot gehalten , aber eines Tages , in der Mittagshitze … alles döste vor sich hin und der Bademeister war auch nicht zu sehen, kletterte ich fix über den Damm. 
Ich duckte mich und auf der anderen Seite angekommen ließ ich mich ruhig ins Wasser gleiten. 
In einiger Entfernung nahm ich vor mir die weissen Bojen der Begrenzung des Badebereichs wahr.
Es waren schätzungsweise 150m zu schwimmen. 
Also gut dachte ich, bis zu den Bojen und schnell wieder zurück. 
Ich startete mit ausladenden Schwimmbewegungen und kam auch zügig voran.
Nach etwa 5 min kam ich bei der im Wasser auf und ab-tanzenden Boje an und hielt mich an ihr fest um kurz durchzuatmen. 
Ich sah zurück zum Strand...
 komisch , von hier sah die Strecke viel weiter aus. 
Die Strandkörbe kamen mir geradezu winzig vor. 
Ich atmete noch einmal tief durch und dachte, los jetzt, bevor der Bademeister etwas merkt. 
Ich stieß mich von der Boje ab und begann zurück zu schwimmen. 
Nach einer Weile machte ich eine Pause , irgendwie hatte ich das Gefühl ,das Schwimmen wäre etwas zäher als auf dem Hinweg. 
Ich machte noch einige Züge und tatsächlich, ich hatte den Eindruck als würde ich gegen einen unsichtbaren Widerstand schwimmen. 
Ich drehte mich um zur Boje…
Was ich sah, ließ mir die Nackenhaare aufstellen. 
Die Boje war etwa 15 bis 20m hinter mir, ich war so gut wie gar nicht voran gekommen. 
Eine dunkle Ahnung befiel mich… 
Nicht drüber nachdenken, sagte ich mir , einfach ruhig atmen und gleichmäßig weiter schwimmen. 
Nach weiteren 5min musste ich wieder innehalten um zu verschnaufen. 
Ängstlich sah ich mich wieder nach der Boje um. 
Es war kein nennenswerter Unterschied in der Entfernung zu erkennen. 
Ich begann , diesmal intensiver, als zuvor weiter zu schwimmen. 
Aber so langsam verließen mich die Kräfte. 
Wieder drehte ich mich zur Boje um… es sah aus, als wäre ich gar nicht geschwommen. 
Panik machte sich in meinem Bauch breit und ich versuchte noch ein paar Schwimmbewegungen...
Mir wurde kalt und dann versagten die Muskeln langsam ihren Dienst.
Ich spürte eine kühle Strömung aus der Tiefe.
Ich sah zum Strand und rief “Hilfe” , aber es war nur ein Krächzen. 
Ich schluckte Wasser und merkte wie sich ein grauer Schleier über meine Augen legte. 
Als ich wieder zu mir kam, fühlte ich das ich auf dem Rücken und auf einem der Steine des Walls am Strand lag. 

Ich sah auf, und gewahrte ein junges Mädchen(?) mit kurzen rotblonden Haaren.
Sie hatte durchweg androgyne Züge, ganz weiße Haut und eine extrem schlanke Statur. 
Sie trug einen gelben anachronistischen Bikini der irgendwie aus der Zeit gefallen schien...  er passte so gar nicht zur aktuellen Bademode. 
Sie sah mit ernster Mine zu mir herunter und ich wich ihrem Blick instinktiv aus.
Ich setzte mich hin, sah die Algen zwischen den Steinen hin und her treiben. 
Danke , sagte ich betreten und fügte noch ein: Das war knapp, nicht wahr, hinzu.
Dann richtete ich mich auf , aber auf einmal war sie weg.
Weg,   wie vom Erboden verschluckt! 
Ich sprang vom Wall und rannte am Strand mit weit aufgerissenen Augen hin und her. 
Aber ich fand sie nicht.. nichts, sie war weg. 
Ich ließ mich in den Sand fallen und dachte darüber nach, was gerade passiert war. 
Nach einer halben Stunde hatte ich wieder etwas Fassung und begann mich zu orientieren.  
Ich war fast 2km von unserem Strandkorb entfernt.
Langsam machte ich mich auf den Weg , immernoch erschüttert. 
Als ich bei meinen Leuten ankam , hatte keiner mein Ausbleiben bemerkt. 
Auch die Geschichte meines Badeerlebnisses, die ich etwas später zum Besten gab, wollte mir niemand so richtig glauben. 

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