Direkt zum Hauptbereich

Posts

Die Brandjungfrau

Wir schreiben den 29. August 1678 . Ein heißer Wind treibt die Flammen durch die Gassen von Querfurt. Im "Goldenen Löwen"  sucht die fünfzehnjährige Anna Regina, Tochter des Münzmeisters, Schutz in der vermeintlichen Sicherheit des Kellers. Doch was als Zuflucht gedacht war, wird zur tödlichen Falle. Während die Stadt oben im Feuermeer versinkt, raubt der schleichende Qualm Anna Regina, ihren Tanten und einer Magd den Atem. ​Christian Lasse, vom Schmerz gezeichnet, schuf seiner Tochter ein Denkmal, das heute noch auf dem Querfurter Friedhof steht. Es ist ein stilles Zeugnis väterlicher Liebe, doch die Legende besagt, dass Anna Reginas Geist keine Ruhe fand. ​In Querfurt flüstert man sich zu: Wenn die Luft unnatürlich still wird und ein ferner Geruch von Brand in die Nase steigt, ohne dass eine Flamme zu sehen ist, dann wandelt die Brandjungfrau durch die Straßen. Sie erscheint als bleiche Gestalt in den Gewändern des 17. Jahrhunderts, ein stummes Warnsignal vor...

Der Zug der Toten

Man sagt, wenn die Glocken der Marktkirche in Halle in einer bestimmten, tiefen Frequenz schwingen, beginnen die steinernen Figuren von Richard Horn zu atmen. Der Geiger setzt den Bogen an, und ein lautloser Ton vibriert durch die Kolumbarien vom Gertraudenfriedhof.  ​Es ist ein Marsch ohne Ziel, eine „Endlose Straße“. Die „Endlose Straße“ erinnert uns daran, dass wir alle Teil eines größeren Stroms sind. Doch hütet Euch davor, den Blick der steinernen Wanderer zu lange zu erwidern, wenn Ihr nachts am Gertraudenfriedhof vorbeigeht. Denn wer einmal den lautlosen Takt des Geigers hört, dessen Herz schlägt fortan ein klein wenig langsamer – im Rhythmus der Ewigkeit.

Der Einbetonierte in der Leunaer Saalebrücke

Als nach dem Ersten Weltkrieg der Bau der Bahnlinie von Leuna über Zöschen nach Leipzig wieder aufgenommen wurde, mußte man auf dem rechten Saaleufer eine Flutbrücke errichten, die aus Beton ge-schüttet wurde. Die Pfeiler waren schon betoniert und die Bogen ein-geschalt. Da stolperte eines Abends, die Nächte waren bereits emp-findlich kühl, ein Betrunkener über die Baustelle und fiel auf einen halbgeschütteten Bogen. Der abbindende Beton entwickelte eine angenehme Wärme, so daß der Trunkene sich auf ihm ausstreckte und einschlief.  Früh bei Arbeitsbeginn war er noch nicht munter, ward auch nicht von den Arbeitern bemerkt und mit einer Betonmischung überschüttet. Da wurde er zwar munter, konnte sich aber aus der zähen Masse nicht mehr allein befreien. Sein Rufen und Schreien wurde von dem Lärmen der Mischmaschinen und dem Rollen der Transportloren übertönt, so daß bald nichts mehr von ihm zu sehen war. Erst beim Ausschalen ent-deckte man die Hand des Toten am Bogenäußere...

Die Eselsbank im Dom zu Merseburg

Auf der rechten Seite des Gestühls im Hauptschiff des Merseburger Doms,  findet man die Eselsbank. Diese Bank ist separat von den anderen Bänken aufgestellt. Wer dort sitzen musste, sah auch von der Liturgie während des Gottesdienstes recht wenig und musste sich somit nurmehr auf das Zuhören beschränken.  An der äußeren Sitzwange ist ein Eselskopf eingeschnitzt. Als ich einmal den Dom besuchte , war gerade eine Führung im Gange. Die Leute standen im Mittelgang und hörten den Erläuterungen über die Orgel zu. Um die Führung nicht zu stören, wähle ich den Weg rechts vorbei.  In einem Wortfetzen aus der Führung, hörte ich ein Detail aus der Orgelgeschichte, dass ich noch nicht kannte. Ich hielt kurz inne , als sich aus der Führung ein älterer Mann löste und auf die Eselsbank zuging. Er hatte einen extrem sauberen Bart- und Haarschnitt und trug einen eleganten Anzug. Er packte die Bank an der Lehne und begann damit  die Bank hin und her zu kippeln....

Der Ritter zu Zscherben

An der äußeren Mauer der Kirche von Zscherben ist ein merkwürdiges Steinbild eingemauert, eine Figur, die auf einem Tier reitet und in der Hand hochaufgerecht ein Schwert trägt. Das Volk erzählt, der Stein wäre zum ewigen Angedenken an einen Reiter eingesetzt, der im Dreißigjährigen Kriege in die Kirche zum Raube habe einreiten wollen und sich als Strafe für solchen Frevel den Kopf an der Pforte der Kirche eingerannt habe.

Der rostige Wächter

Am Schlossgraben in Merseburg , in der Nähe des kleinen Turms steht ein alter rostiger Hydrant aus dem Jahre 1923.  Einst war er der Stolz der gesamten Brandbekämpfung, rot glänzend, wissend um seine historische Lage. Heute ist er noch immer rot , aber der Glanz ist nicht mehr. Das Rot ist vom Rost, den fast 100 Jahre darübergelegt haben. Manchmal des Abends, wenn die Stimmen der Schlossbesucher verhallt sind , geht er tief in sich und hofft auf den Klang eines Martinshorns in der Ferne...  Dann fangen seine Augen an zu glimmen und er weiss, dass immernoch, irgendwo ein Feuer gelöscht werden muss.

Der Graseweg

In der Nähe des alten Hallmarkts , dort wo heute das Pflaster die Schritte der Eiligen verschluckt, liegt eine Straße, deren Name ein düsteres Geheimnis birgt. Wer heute durch den Graseweg wandelt, ahnt nichts von den Schreien, die hier vor Jahrhunderten hinter verrammelten Türen erstarben. ​Wir schreiben das Jahr 1350. Der „Schwarze Tod“ ist über Halle hergefallen. Die Luft ist schwer vom Geruch des Verderbens, und die Angst regiert die Gassen. Doch im Graseweg schlug das Schicksal besonders unerbittlich zu. ​Die Legende besagt, dass der Rat der Stadt in seiner blinden Panik vor der Ansteckung eine Entscheidung traf, die heute noch das Blut in den Adern gefrieren lässt:  Man gab die Menschen im Graseweg auf. ​ Die totale Isolation: Alle Ausgänge der engen Gasse wurden nicht nur bewacht, sondern Stein für Stein vermauert und vernagelt . ​ Das Flehen der Lebendig-Begrabenen: Hinter den Barrikaden spielten sich Szenen ab, die kein menschliches Auge ertragen konnte...