Wer die Südseite der alten Kirche zu Schraplau passiert, dem fällt ein seltsamer Grabstein ins Auge. Ein Ritter in voller Rüstung, das Schwert an der Seite, den Blick starr geradeaus gerichtet. Doch wer genauer hinsieht, dem fröstelt es: Dem steinernen Krieger fehlt die rechte Hand. Es ist das Bildnis des Ritters, den sie aus vergessenen Gründen nur "Pickelhäring" nannten, und seine Geschichte ist eine Tragödie aus Stolz, Wein und gebrochener Treue.
Das Taufgelage und der verhängnisvolle Biss
Es war ein Festtag auf Schloss Schraplau. Graf von Pappenheim, der gefürchtete Feldzeugmeister des Dreißigjährigen Krieges, feierte die Taufe seines Söhnchens. Unter den Gästen: Sein treuer Freund, der Ritter Pickelhäring aus Schafstädt. Man sprach dem guten Mainwein reichlich zu, die Stimmung war gelöst, ja ausgelassen.
Doch im Wein liegt nicht nur die Wahrheit, sondern oft auch der Keim des Verderbens. Bei einem fröhlichen Pfänderspiel sollte Pickelhäring dem Grafen Pappenheim einen "Bruderkuss" geben. Bereitwillig ließ sich Pappenheim umarmen. Doch Pickelhäring, seiner Sinne durch den Alkohol nicht mehr mächtig, tat das Unfassbare: Statt den Freund zu küssen, biss er ihm in hellem Wahn kräftig in die Nase!
Die Ohrfeige und der Blut-Schwur
Der Schmerz war jähe, die Demütigung vor den anderen Gästen grenzenlos. Instinktiv und in gerechtem Zorn verpasste Pappenheim seinem "Freund" eine schallende Ohrfeige, die ihn taumeln ließ. Die anderen Gäste griffen ein, verhinderten Schlimmeres. Doch der Riss war da.
Pickelhäring, nun nüchtern vor Wut und Scham, ließ sich sein Pferd vorführen. Seine Worte, ausgestoßen wie Gift, hallten durch den Schlosshof: "Pappenheim, diese Ohrfeige sühnt nur sein Blut!" Er ritt davon, zurück nach Schafstädt, und ein düsterer Schwur begleitete ihn.
Der Hinterhalt bei Etzdorf und das Urteil
Und er hielt Wort. Wenig ritterlich, ja heimtückisch, lauerte er seinem einstigen Freund bald darauf in der Nähe des Gutes Etzdorf auf. Ein Schuss brach das Schweigen des Waldes, und Pappenheim sank tödlich getroffen zu Boden.
Doch das Gewissen, dieses unbestechliche Gericht im Inneren, ließ Pickelhäring keine Ruhe. Die Tat lastete schwer auf seiner Seele. Er stellte sich selbst dem Gericht. Als Adliger stand ihm ein "privilegiertes" Urteil zu: Die Wahl zwischen lebenslanger Landesverweisung oder dem Verlust der rechten Hand – der Hand, die den tödlichen Schuss abgegeben hatte.
"Eher lasse ich die Hand abhauen..."
Pickelhärings Antwort war ein spätes Bekenntnis seiner Schuld, ein Akt der verzweifelten Sühne: "Eher lasse ich die Hand abhauen, mit der ich meinen Freund erschossen habe."
Das Urteil wurde vollstreckt. Die rechte Hand fiel, und der Ritter trug fortan den sichtbaren Makel seiner Tat. Als er Jahre später starb, setzte man ihm diesen Grabstein an der Kirche zu Schraplau. Er zeigt ihn ohne die rechte Hand – nicht als Feigling, sondern als einen Mann, der für sein Verbrechen bezahlt hat.
Es gibt Orte, die einen Menschen nicht mehr loslassen. Meist ist es die Schönheit oder die Geschichte, die zu uns zurückkehrt, doch im Kreuzgang des Doms St. Viktor zu Xanten verbirgt sich eine weitaus dunklere Bindung. Dort, wo das Licht nur spärlich durch die Maßwerkfenster fällt, ruht eine Grabplatte, die den Atem stocken lässt. Wer über die ausgetretenen Steine des Kreuzgangs wandelt, stößt unweigerlich auf eine Darstellung, die so gar nicht in die heilige Ordnung eines christlichen Gotteshauses zu passen scheint. Manche wollen darin den Gehörnten selbst erkennen, andere sehen eine gequälte Seele. Doch das Zentrum des Schauers ist die "Schwarze Hand" . Die Legende besagt, dass diese Hand nicht aus bloßer Steinmetzkunst entstand. Sie sei ein Siegel, ein spiritueller Anker in unserer Welt. Die Alten erzählen sich hinter vorgehaltener Hand: „Wer die schwarze Hand berührt, der verkauft ein Stück seiner Freiheit an den Dom.“ Es ist ein schleichender Fluch....


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