Direkt zum Hauptbereich

Posts

Der nächtliche Spuk am Katzenhügel

Eine Bauersfrau aus Schnellroda hat ihren Korb mit Eiern und frischem Gemüse beladen. Sie will die Erste auf dem Markt in Mücheln sein – ein mühsamer Fußmarsch, den sie im Schutz der Dunkelheit antritt um nicht bestohlen zu werden.  Doch die Dunkelheit schützt nicht immer; manchmal beobachtet sie uns nur. ​Als sie den berüchtigten Katzenhügel erreicht, geschieht es. In der Ferne, dumpf und unerbittlich, schlägt die Glocke von St. Micheln zur Mitternacht. Mit dem zwölften Schlag verändert sich die Luft. Sie wird dick, klamm und schwer. ​Plötzlich spürt die Frau einen Ruck. Ihr Tragekorb, eben noch leicht zu schultern, drückt sie mit übermenschlicher Gewalt in die Knie. Keuchend sieht sie sich um – und das Herz stockt ihr: Auf ihren Waren liegt ein Getreidebündel . Es ist staubig, strohig und doch scheint es eine Masse zu besitzen, die nicht von dieser Welt ist. ​Niemand ist zu sehen. Keine Hand hat es dort abgelegt. Es ist einfach da . ​Mit zitternden Knien und Sc...

Ritter Pickelhäring

Wer die Südseite der alten Kirche zu Schraplau passiert, dem fällt ein seltsamer Grabstein ins Auge. Ein Ritter in voller Rüstung, das Schwert an der Seite, den Blick starr geradeaus gerichtet. Doch wer genauer hinsieht, dem fröstelt es: Dem steinernen Krieger fehlt die rechte Hand. Es ist das Bildnis des Ritters, den sie aus vergessenen Gründen nur "Pickelhäring" nannten, und seine Geschichte ist eine Tragödie aus Stolz, Wein und gebrochener Treue. Das Taufgelage und der verhängnisvolle Biss Es war ein Festtag auf Schloss Schraplau. Graf von Pappenheim, der gefürchtete Feldzeugmeister des Dreißigjährigen Krieges, feierte die Taufe seines Söhnchens. Unter den Gästen: Sein treuer Freund, der Ritter Pickelhäring aus Schafstädt. Man sprach dem guten Mainwein reichlich zu, die Stimmung war gelöst, ja ausgelassen. Doch im Wein liegt nicht nur die Wahrheit, sondern oft auch der Keim des Verderbens. Bei einem fröhlichen Pfänderspiel sollte Pickelhäring dem Grafen Pappenheim eine...

Die hohe Brücke

Das Flüstern des Steins – Eine Geschichte von der Hohen Brücke zu Merseburg ​Die Sonne stand hoch über der Alten Saale, ihre Strahlen glitzerten auf dem trägen Fluss, der sich durch die sächsische Landschaft schlängelte. Doch an diesem sonnigen Tag lag ein Schatten über der Hohen Brücke, einem steinernen Koloss, der seit Jahrhunderten den Weg von Merseburg nach Leipzig überspannte. Generationen von Fuhrleuten, Händlern und Reisenden hatten ihre steinernen Bögen überquert, und doch barg sie ein dunkles Geheimnis, das nur die Alten noch flüsterten. ​Man erzählte sich, dass in den mächtigen Steinquadern der Brücke, unweit des Neumarktstores, ein Kind lebendig eingemauert worden war. Nicht aus Grausamkeit, so die Legende, sondern aus einer verzweifelten Hoffnung heraus. Die Erbauer, so hieß es, hätten die Brücke fest und unzerstörbar machen wollen, ein ewiges Denkmal ihrer Kunst. Und so opferten sie, in einer Zeit, in der Aberglaube und harte Wirklichkeit Hand in Hand gingen,...

Die versunkene Burg bei Burgliebenau

Etwa zehn Minuten von dem Dörfchen Burgliebenau entfernt findet sich nach Südosten mitten im Walde unweit der Elster eine mäßige, ringförmige Erhöhung, welche der Waal genannt wird.  Die Erhöhung ist mit Bäumen und Gestrüpp bewachsen und war früher von einem ziemlich breiten und tiefen Graben umgeben, der aber im Laufe der Zeit durch die Elsterhochwässer verfüllt worden ist.  Auf dieser Anhöhe soll einstmals eine Burg gestanden haben. Von Mauerresten ist aber jetzt nichts mehr zu sehen. Von dieser Burg erzählt man sich nun folgendes: Vor langen Jahren bewohnte sie ein mächtiger Herr, dem die ganze Umgebung gehörte. Weit und breit war er wegen seines Reichtums bekannt; aber ebenso bekannt war seine Hartherzigkeit gegen die Armen und seine Barschheit gegen jedermann, so daß niemand mit ihm verkehren mochte. Als nun einmal an einem Frühlingsabend ein fürchterlicher Sturm, begleitet von heftigem Regen, brausend durch die Wipfel der alten Eichen zog, so daß sie unter se...

Der Mönch in einen Hasen verwandelt

Im schon lange aufgehobenen Peterskloster zu Merseburg ließ sich zu Zeiten „Der Münch" sehen. Er erschien als graues Männchen und hatte in den Ställen sein Lieblingspferd und seine Lieblingskuh, die immer schneckefett waren. Außer ihm ging da aber noch ein gespenstiger Hase um, das war ein Mönch, der irgend etwas Schweres began-gen hatte und deshalb nicht zur ewigen Ruhe und Frieden eingehen konnte, wenn nicht durch ein Zusammentreffen von bestimmten Umständen seine Erlösung herbeigeführt wurde. Heutzutage sind der frühere Tiergarten des Bischofs, die Klosterhöfe, der Gottesacker der Kirche St. Viti und der ehemalige Klosterwein-berg ein zusammenhängendes Ganzes. Die Weinbergmauer auf der Ostseite und die Mauer des Waisenhausgartens auf der Westseite bil-deten noch vor hundert Jahren eine namenlose Straße, die jetzt den Namen Weinberg führt. Ihr Nordende wurde durch das sogenannte Klausentor beschlossen. Vor diesem Tore liegen die Klause und der Galgenberg, noch jetzt ...

Die unterirdischen Gänge , ... der südöstliche

Der Sucher im Tierholz: Eine Legende der Merseburger Unterwelt. ​Der alte Mühlenknecht Hannes war bekannt für seine sture Neugier, die ihn oft in Schwierigkeiten brachte. Es war im Spätherbst des Jahres 1847, als er von den geheimen Gängen unter dem Merseburger Kloster hörte, die angeblich bis ins Tierholz reichten. Die meisten lachten nur, nannten es Aberglauben der Bauern. Doch Hannes, der schon als Kind die verbotenen Ecken der Burg erkundet hatte, sah darin eine Herausforderung. ​Mit einer rußenden Fackel, einem Strick und einer eisernen Brechstange bewaffnet, schlich er sich in einer nebligen Nacht in den alten Keller der ehemaligen Klosterkirche, von wo der südöstliche Gang seinen Anfang nehmen sollte. Der Eingang, halb verschüttet und von feuchter Erde verdeckt, gab nach seiner mühsamen Arbeit einen schmalen Spalt frei. ​Der Geruch, der ihm entgegenwehte, war der von feuchter Erde, Moder und etwas Altem, Beunruhigendem – wie der Atem der Jahrhunderte. Hannes zwän...

Das Spergauer Pestkreuz

In der Nähe des Angers von Spergau, dort wo das Wasser des Dorfteiches heute still liegt, ragt ein verwitterter Stumpf aus der Erde. Für den eiligen Passanten ist es nur ein zerfressener Stein an der Kötzschener Straße 2. Doch für uns, die wir in den Schatten der Geschichte lesen, ist es das Pestkreuz . Man schreibt das Jahr 1633. Der Dreißigjährige Krieg zerfrisst das Land, doch ein noch grausameres Ungeheuer schleicht durch die Gassen von Spergau: die Pest. 186 Seelen raffte der „Sensenmann“ in jenem Jahr hinweg. Besonders das Unterdorf wurde zum Geisterort; die Kataster von 1660 sprechen noch Jahrzehnte später von „wüsten Gehöften“, wo einst Leben herrschte. Die Sage raunt, das Kreuz markiere exakt die Stelle, an der der letzte Pestfall des Dorfes gemeldet wurde. Ein steinerner Riegel gegen die Krankheit, ein Schlussstrich unter das Sterben. Doch die Chroniken sind unerbittlich: Zur Zeit der großen Not stand an diesem Platz noch gar kein Haus. Erst 1712 wurde hier wieder gebaut, a...