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Die Flamme vom roten Turm

Heimatforscher Siegmar Baron von Schultze Gallèra beschreibt eine Sage über die  Flamme auf dem Roten Turm  zu Halle.  Demnach erscheine sich um  Mitternacht des Dreikönigstages auf der Spitze des Turmes eine helle Feuerzunge. Die Mitternachtsstunde des Dreikönigstages (6. Januar) markiert das Ende der Rauhnächte. Es ist die Zeit, in der die Tore zwischen den Welten noch einen Spalt offenstehen, bevor sie sich für das restliche Jahr schließen. ​Die Feuerzunge: Sie ist kein zerstörerisches Feuer, sondern eine „hell glänzende Zunge“. In der Alchemie und Symbolik steht dies oft für die Erleuchtung oder das „höhere Wissen“. Dass sie auf dem Roten Turm erscheint, ist kein Zufall – er ist das stolze Wahrzeichen der städtischen Freiheit und ragt wie eine Antenne in die geistige Welt empor. ​Die Prüfung des Mutes: Die Sage verlangt eine Interaktion. Man darf nicht nur starren, man muss die Flamme ansprechen. Das erfordert die Überwindung der Urangst vor dem Übern...

Das Elixier der Legionäre

Wanderer, wenn die Luft im Sommer so dick wird, dass man sie schneiden kann, verändern sich die Pfade.  Das flimmernde Licht über den Feldern und das drückende Schweigen im tiefen Wald lassen die Grenzen zwischen dem Hier und Jetzt und den alten Legenden verschwimmen.  An Tagen wie diesen suchten schon die Alten nach Wegen, nicht nur den Körper zu kühlen, sondern den Geist messerscharf zu halten. ​Wer heute bei subtropischer Hitze die magischen Orte unserer Vorfahren ergründen will, gerät schnell an seine Grenzen.  Doch das Geheimnis gegen die lähmende Schwüle ist Jahrtausende alt. ​Ein Blick zurück in die Geschichte führt uns zu den unaufhaltsamen Legionären Roms.  Auf ihren staubigen, endlosen Märschen tranken sie selten reines Wasser. Ihr Elixier hieß „Posca“ – eine strategische Mischung aus Wasser, einem guten Schuss saurem Essig und oft ausgewählten Kräutern oder Salz.  Was im ersten Moment wie ein bitteres Hexengebräu klingt, war das ultimative...

Die heilige Theodika

​ Es war in den Tagen des Bischofs Werner, der zwischen 1063 und 1093 das Bistum Merseburg regierte, als eine junge, unschuldige Jungfrau in der Stadt eintraf.  Niemand vermochte mit Gewissheit zu sagen, aus welchem fernen Lande sie kam oder welches Blut in ihren Adern floss.  Die Gerüchte im Volk überschlugen sich: Die einen munkelten, sie sei eine Schwestertochter des mächtigen Kaisers Heinrich IV. Andere wiederum sahen in ihr ein Kind Rudolfs von Schwaben – jenes unglücklichen Gegenkaisers, der 1080 in der blutigen Schlacht bei Hohenmölsen seine rechte Hand und sein Leben verlor und dessen sterbliche Hülle im Merseburger Dom ruht.  Es hieß, sie sei gekommen, um ihr eigenes Leben im Schatten des väterlichen Grabes zu beschließen.   ​ ​Anfänglich hauste sie in der Altenburg bei armen Bauersleuten, doch trieb sie ein düsterer, gottesfürchtiger Drang nach absoluter Abkehr von der Welt. Sie flehte den Abt des Klosters St. Petri an, ihr einen Ort der Zu...

Die Hand des Sozialismus

Fünf gigantische, identische 18-geschossige Hochhäuser prägen das Zentrum von Halle-Neustadt. Warum man diese Bauten als "Scheiben" bezeichnete ...? ...  Um diese monumentalen Bauten rankt sich seit der DDR-Zeit eine hartnäckige Urban Legend: ​ Es wird erzählt, dass die fünf Hochhäuser, wenn man sie aus der Vogelperspektive oder aus Richtung der Altstadt betrachtet, wie die fünf Finger einer erhobenen Hand wirken sollen – ausgestreckt als sozialistischer Gruß oder als triumphale Geste in Richtung des alten, bürgerlichen Halle.  Nach der Wende wandelte sich der Mythos.  Es hieß, die „fünf Finger“ seien in Wahrheit die Hand der sozialistischen Vergangenheit, die sich wie eine Klaue aus der Erde gräbt und die Stadt niemals ganz loslassen wird. Unter Jugendlichen und Anwohnern hieß es jahrelang, dass in den oberen, dunklen Stockwerken der verlassenen Scheibe A nachts Lichter gesehen wurden, obwohl das Gebäude längst vom Stromnetz getrennt war.  Man erzählte s...

Die Totenandacht im Dom zu Merseburg

In der heiligen Osterzeit des Morgens früh, da es noch dunkelt, wackelt der alte Küster des Domstifts mit seinem Laternchen über den Schloßhof, um zur Frühmette zu läuten.  Da, beim Eingang in die Kirche, huscht etwas an ihm vorüber; er blickt auf und sieht sich umgeben von  schattenartigen Gestalten, unter denen er mehrere erst jüngst begrabene Personen erkennt.  Entsetzt läßt er sein Laternchen fallen und entwischt zurück ins Kämmerlein. Beim Anbruch des Tages aber wird er zum Bischof entboten, der ihn hart anläßt, seiner Erzählung keinen Glauben beimißt und ihn mit schwerer Strafe bedroht, wenn er je das Läuten wieder verträumen sollte. In der zweiten Nacht geht der verängstigte Küster denselben Weg, sieht weder rechts noch links, obgleich ihm manches verdächtig ist und tritt, an allen Gliedern zitternd, in den Dom.  Hier blickt er auf und findet das Schiff der Kirche angefüllt von einer gespenstischen Gemeinde.  Auf der Kanzel aber steht im weiße...

Die Seele im Beton

 Das Viadukt von Mücheln. ​Wer heute am Westufer des Geiseltalsees steht und den Blick über das glitzernde Wasser schweifen lässt, rechnet vielleicht mit unberührter Natur.  Doch plötzlich bricht sich die Landschaft an einem Monument der Moderne: Sieben monumentale Bögen ragen am Hang empor – das Eisenbahn-Viadukt von Mücheln. ​Erbaut im Jahr 1964, entsprang diese Brücke keinem romantischen Jahrhundertwend-Gedanken, sondern purer industrieller Notwendigkeit.  Der unersättliche Braunkohletagebau fraß sich damals unaufhaltsam durch das Geiseltal.  Wo einst Dörfer standen, klaffte bald eine apokalyptische Mondlandschaft.  Die Eisenbahnschienen mussten weichen, wanderten immer weiter an den Rand des Abgrunds, bis dieses 271 Meter lange Viadukt errichtet wurde. ​Vom Schlund der Erde zum glitzernden Meer Das eigentlich Magische an diesem Pfad ist die Perspektive der Zeit. Jahrzehntelang ratterten die Züge über die sieben Bögen, während die Pass...

Der Königshof

In der unmittelbaren Nähe des Merseburger Schlosses lag vormals innerhalb des jetzigen Schloßgartens der sogenannte Königshof. Von diesem sagt Brotuff im 11. Kapitel des ersten Buches seiner Merseburger Chronik, welche er im Jahre 1557 schrieb, folgendes: „Der Königshof ist eine große lange Schanze, mit einem aufgeworfenen Wall von beiden Seiten gegen Morgen und Abend, liegt zwischen dem neuen Schloß und dem Kloster St. Petri, welchen Wall oder Schanze Claudius Drusus Germanicus und das römische Kriegsvolk vor alters, als sie allda in der Besatzung der bezwungenen Provinzen gelegen, gemacht; des Orts denn auch die römischen Kaiser, wenn sie ihre Reichstage zu Merseburg gehalten, ihr Kriegsvolk darinnen liegen gehabt. Darunter lieget eine Mühle, heißet des Königs Mühle, die soll ehemals zu des Königs Hofe, der alten römischen Marsburg gehöret haben." Die nördlich von der Königsmühle liegende große Wiese heißt die Königs-wiese, und ein Teil von ihr gehört zur Königsmühle...