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Das Abstellgleis


In Klostermansfeld steht die Zeit nicht still – sie oxidiert. Wenn der Mond bleich über dem Mansfelder Land steht und der Wind in den verrosteten Gestängen der alten Dampflokomotiven fängt, geschieht etwas, das kein lebendes Auge sehen sollte.

​Die Stille auf dem Abstellgleis ist trügerisch. Sie ist nicht leer, sie ist schwer von Erinnerungen.

​Es beginnt mit einem tiefen, metallischen Ächzen. Es ist kein gewöhnliches Geräusch von sich zusammenziehendem Metall in der nächtlichen Kühle. Es klingt wie ein erster, mühsamer Atemzug nach einem jahrzehntelangen Schlaf. In den leeren Feuerbüchsen beginnt ein unnatürliches, blaues Glimmen zu tanzen, und aus den zerschlissenen Ventilen entweicht ein Hauch von phantomhaftem Dampf, der nach heißem Öl und nasser Kohle riecht.

​„Hörst du das?“, flüstert die schwere Güterzuglokomotive der Baureihe 52, deren Lack nur noch in Schuppen an ihrem Leib hängt. Ihre Stimme klingt wie schleifender Stahl auf Schienen.

​„Ich höre es jeden Abend“, antwortet eine alte Rangierlok ein Stück weiter hinten. Ihr Gehäuse ist von Brombeerranken umschlungen, die wie Fesseln wirken. „Das Echo der Strecke. Das ferne Beben der Gleise, das wir nie wieder spüren werden.“

​Die schwere 52er stößt eine Wolke aus unsichtbarem Ruß aus. „Erinnerst du dich an den Aufstieg bei Blankenheim? Die Last hinter uns... zehntausend Tonnen Stolz. Wenn wir die Regler öffneten, zitterte die Erde. Wir waren die Herzschläge der Industrie. Wir brachten das schwarze Gold und das Eisen, wir waren der Rhythmus des Landes.“

​„Ich erinnere mich an das Licht der Signale“, murmelt eine andere Lokomotive, deren Scheinwerfer wie blinde Augen in die Dunkelheit starren. „Grün bedeutete Freiheit. Die Freiheit der endlosen Schiene. Die Heizer waren unsere Gefährten. Sie kannten jede unserer Launen, jedes Zischen und jedes Klappern. Wir waren lebendig, solange das Feuer in uns brannte.“

​Das Gespräch der Giganten ist kein fröhliches Plaudern. Es ist ein unheimliches Klagelied. Während sie sprechen, bewegen sich ihre Treibstangen im Zeitlupentempo, als wollten sie sich von der Stelle bewegen, nur um schmerzhaft festzustellen, dass die Schienen unter ihnen längst im Waldboden versunken sind.

​„Sie haben uns vergessen“, zischt die 52er, und ein Schauer läuft jedem über den Rücken, der nah genug wäre, um es zu hören. „Sie lassen uns hier stehen, damit der Rost uns langsam auffrisst. Aber in unseren Kesseln schlägt noch immer der Takt der alten Zeit.“

​Ein kalter Windstoß fegt über das Gelände, und für einen kurzen Moment sieht es so aus, als würden sich die Schatten der Lokomotiven zu monströsen Gestalten aufblähen, die den gesamten Nachthimmel einnehmen. Ein fernes Pfeifen schneidet durch die Luft – doch es ist kein Zug in der Nähe. Es ist der Schrei einer Maschine, die nicht sterben kann, solange ihre Geschichte noch erzählt wird.

​Sobald der erste graue Lichtstrahl der Dämmerung über die Dächer von Klostermansfeld kriecht, erstarrt die Szenerie. Das blaue Glimmen erlischt. Der Geruch nach heißem Öl verzieht sich.

​Was bleibt, sind kalte, unbewegliche Haufen aus Schrott und Eisen. Doch wer genau hinsieht, bemerkt vielleicht, dass die schwere Güterzuglokomotive heute Nacht ein paar Zentimeter weiter nach vorne gerückt ist – als hätte sie im Schlaf versucht, noch einmal die schwere Last der Welt über die Berge zu ziehen.

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