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Der Annex



Wer die Krypta des Merseburger Doms betritt, spürt sofort, wie die Luft etwas schwerer wird. 

Es ist ein Ort der Ruhe, so sagt man.

 Doch wer den Blick nach Westen wendet, in jenen kleinen, unscheinbaren Anbau – den Westannex , der erkennt, dass manche Türen nicht zum Eintreten, sondern zum Fernhalten geschaffen wurden.


​Dort, über dem Mauerdurchgang, prangt ein Relief aus Sandstein: Eine Hand, die Finger zum Segen erhoben. Doch wer genau hinsieht, dem gefriert das Blut in den Adern. Denn diese Hand ist von innen angebracht. Sie segnet nicht den, der den Raum betritt. Sie segnet den, der ihn verlässt.

​Die Legende besagt, dass die Hand im 11. Jahrhundert nicht als Zierrat gemeißelt wurde, sondern als ein geistiges Siegel. Man flüstert, dass beim Bau der Krypta im Jahr 1042 die Arbeiter auf einen Hohlraum stießen, der tiefer reichte als alles, was Menschenhand bisher geschaffen hatte.

 Ein eisiger Windstoß, gesättigt mit dem Geruch von moderndem Laub und nassem Kalk, löschte ihre Fackeln. Sie hatten das Tor zum "unterirdischen Dom" aufgestoßen – jener Dom Johannes der Täufer, der unter dem Merseburger Boden verborgen liegt und dessen Gänge sich wie  Fühler bis nach Schkopau, Großkorbetha und Frankleben ausstrecken.

​Man sagt, ein junger Steinmetz habe damals versucht, die Treppe hinter der Wand hinabzusteigen. Er kehrte erst nach drei Tagen zurück. Seine Haare waren weiß wie Kalkstaub und seine Augen starrten ins Leere. 

 Kurz darauf wurde die Wand hastig verschlossen und das Relief angebracht.

Die segnende Hand ist kein Gruß. Sie ist eine Absolution für jene, die aus der Tiefe zurückkehren – ein Versuch, das Dunkle, das an ihren Seelen klebt, an der Schwelle abzustreifen.

​Vor einiger Zeit wurde dieses Siegel erneut "geprüft". 

Ein Loch, kaum größer als die Faust eines Kindes, wurde in die Westwand getrieben. Man nannte es Forschung, man nannte es Archäologie. Doch warum wurden die Werkzeuge und der Abbruch im Staub zurückgelassen? 

​Wer heute am Westannex steht, der spürt ihn, den eiskalten Hauch aus dem Mauerwerk. Es ist der Atem des Johannes-Doms, der durch das kleine Loch entweicht. Und während die Hand stumm über dem Durchgang wacht, fragen sich die Eingeweihten:

 Reicht ein Segen aus Stein aus, um das zurückzuhalten, was da unten seit fast tausend Jahren darauf wartet, dass die Mauer endlich fällt?

Die profane Gesellschaft wird das für ausgemachten Unsinn halten, aber im Jahre 2014 fand ich eine (wissenschaftliche) Abhandlung zum Thema. 

Hier der Ausschnitt zur Kernaussage:




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