Direkt zum Hauptbereich

Der Püppchenstein






An dem Mühlrain" zwischen Geusa und Beuna liegt etwa auf halbem Wege zwischen den genannten Orten, jedoch noch in der Geusaer Flur, auf der westlichen Wegseite in der Nähe der Hochspannungslei-tung zwischen dem Leuna-Werk und der Grube Tannenberg (Braun-kohlen-Tagebau Neumark-Ost) ein gewaltiger Steinblock aus Braunkohlenquarzit.


Schon seit alter Zeit war der Stein unter dem Namen „Totenstein" bekannt. Dieser Name soll daher rühren, daß in früheren Zeiten, als noch nicht jede Gemeinde ihren eigenen Friedhof hatte und die Geu-saer ihre Toten noch in Oberbeuna beerdigten, nach alter Gewohnheit die Sargträger an dieser Stelle ihre Iast absetzten, um sich etwas auszu-ruhen und zu verschnaufen. Gruselige Geschichten knüpften sich an diese Sitte und der Weg dort vorbei wurde in nächtlichen Stunden seit-her gemieden.


Nach dem Volksmund soll unter dem Findling ein französischer Offi-zier begraben liegen. Zur Zeit der Franzosenherrschaft lag in Ober-beuna Einquartierung. Eine hübsche Bauerntochter konnte sich den Nachstellungen eines französischen Leutnants kaum erwehren. Bei Einbruch der Dunkelheit hatte dieser wieder einmal versucht, sich durch ein offenstehendes Fenster Einlaß zu erzwingen. In Notwehr handelnd, schlug das Mädchen mit einem Tiegel auf den Eindringling ein, bis dieser tot zu Boden fiel. Vater und Tochter schafften in nächt-licher Stunde den Toten hinaus zum Totenstein. Mit schier über-menschlicher Kraft soll es ihnen gelungen sein, den Findling über den Leichnam zu wälzen, so daß der Tote nicht wieder gefunden wurde. In den letzten Jahrzehnten aber hat sich der Name des „Totensteines"," unter welcher Bezeichnung ihn nur noch die ganz Alten kennen, ge-wandelt. Wohl liebte man noch immer die gespenstischen Geschichten, doch schmückte man sie mit Legenden und märchenhaften Bildern. aus, die nicht so schrecklich und gruselig waren, wie die Erzählungen der Alten. Aus dem "Totenstein" ist allmählich der „Püppchenstein" geworden und das ist nun seine Geschichte:

Einmal ging ein Sonntagskind zur mitternächtlichen Geisterstunde an dem Stein vorüber, da sah es auf dessen gerader Fläche viele liebliche Püppchen sich in zierlichem Reigen drehen. Es war ein gar schönes Bild und die feinen Kleider blitzten und glitzerten im silbernen Licht. des Vollmondes und eine zarte, glockenhelle Musik ertönte dazu. Eine ganze Stunde blieb das Sonntagskind vor dem Steine stehen und sah

dem lieblichen Treiben zu. Als aber von der Kirche zu Oberbeuna her ein verlorener Glockenschlag, den der Wind leise herüberwehte, das Ende der ersten Stunde des neuen Tages verkündete, da war der Spuk plötzlich verschwunden. Ganz verzaubert machte sich das Mädchen auf den Heimweg und niemand wollte ihm seine Geschichte so recht glauben. Es sind eben alles keine Sonntagskinder gewesen, sondern nur nüchterne Alltagsmenschen, die dann später einmal versucht haben, hinter das Geheimnis des Steines zu kommen.


Aber ihnen allen ging es ganz anders als dem Sonntagskind. Wenn sie sich zur Mitternacht dem Steine näherten, kamen sie nicht mehr vom Fleck und mußten in der Mitternachtsstunde von zwölf bis ein Uhr wie gebannt" stehen bleiben, ganz gleich, ob sie sich zu Fuß oder reitend oder fahrend dem Stein näherten.


Aber so manchem ist es noch schlechter ergangen. Sie wurden in die Irre geführt und umkreisten in der Nacht fortwährend den Stein, bis sie im Tagesgrauen den rechten Weg wieder erkannten und ihn fortsetzen konnten.


Ein wilder Pflaumenbaum hat sich hinter dem Püppchenstein einge-nistet und von Jahr zu Jahr sinkt der Stein tiefer in die Erde, in der er schon mit dem Anderthalbfachen seiner Größe stecken soll. Ganz frü-her cinmal habe er nicht an jener Stelle an dem Wege zwischen Beuna und Geusa gestanden, sondern auf dem Eselshügel zu Beuna, da, wo sich der kleine Hügel zum Bette der Geisel hinabsenkt. Als ihn die Geusaer mit zehn Pferden in ihr Dorf schaffen wollten, sei er auf hal-bem Wege vom Wagen gefallen und trotz aller Mühen nicht mehr auf-zuladen gewesen. Nun liegt er noch heute dort am Wegesrand und wer ein Sonntagskind ist, mag hingehen, um in der Vollmondnacht auf ihm die Püppchen tanzen zu sehen.




Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Die schwarze Hand im Dom zu Xanten

Es gibt Orte, die einen Menschen nicht mehr loslassen. Meist ist es die Schönheit oder die Geschichte, die zu uns zurückkehrt, doch im Kreuzgang des Doms St. Viktor zu Xanten verbirgt sich eine weitaus dunklere Bindung.  Dort, wo das Licht nur spärlich durch die Maßwerkfenster fällt, ruht eine Grabplatte, die den Atem stocken lässt. ​Wer über die ausgetretenen Steine des Kreuzgangs wandelt, stößt unweigerlich auf eine Darstellung, die so gar nicht in die heilige Ordnung eines christlichen Gotteshauses zu passen scheint. Manche wollen darin den Gehörnten selbst erkennen, andere sehen eine gequälte Seele. Doch das Zentrum des Schauers ist die "Schwarze Hand" . ​Die Legende besagt, dass diese Hand nicht aus bloßer Steinmetzkunst entstand. Sie sei ein Siegel, ein spiritueller Anker in unserer Welt. ​Die Alten erzählen sich hinter vorgehaltener Hand: „Wer die schwarze Hand berührt, der verkauft ein Stück seiner Freiheit an den Dom.“ ​Es ist ein schleichender Fluch....

Die Eselsbank im Dom zu Merseburg

Auf der rechten Seite des Gestühls im Hauptschiff des Merseburger Doms,  findet man die Eselsbank. Diese Bank ist separat von den anderen Bänken aufgestellt. Wer dort sitzen musste, sah auch von der Liturgie während des Gottesdienstes recht wenig und musste sich somit nurmehr auf das Zuhören beschränken.  An der äußeren Sitzwange ist ein Eselskopf eingeschnitzt. Als ich einmal den Dom besuchte , war gerade eine Führung im Gange. Die Leute standen im Mittelgang und hörten den Erläuterungen über die Orgel zu. Um die Führung nicht zu stören, wähle ich den Weg rechts vorbei.  In einem Wortfetzen aus der Führung, hörte ich ein Detail aus der Orgelgeschichte, dass ich noch nicht kannte. Ich hielt kurz inne , als sich aus der Führung ein älterer Mann löste und auf die Eselsbank zuging. Er hatte einen extrem sauberen Bart- und Haarschnitt und trug einen eleganten Anzug. Er packte die Bank an der Lehne und begann damit  die Bank hin und her zu kippeln....

Das Haus des Scharfrichters zu Merseburg

Das Echo der Verdammten: Mein Erbe im Henkerhaus von Merseburg ​Jede Leidenschaft hat einen Ursprung. Meine Suche nach dem Mystischen begann nicht in einem Buch, sondern tief unter der Erde – an einem Ort, den die Sonne seit Jahrhunderten meidet. ​Willkommen in der Unteraltenburg 51 . ​In Merseburg kennt man dieses Anwesen unter dem Namen „Peuschels Gut“. Doch hinter der bürgerlichen Fassade verbirgt sich ein weitaus düstererer Name: Das Henkerhaus. Hier lebte einst der Scharfrichter der Stadt. Ein Mann, dessen Handwerk das Ende bedeutete und der deshalb wie ein Geist zwischen den Welten existieren musste. ​Der unsichtbare Pfad des Scharfrichters ​Man sagt, ein Henker durfte den heiligen Boden des Doms und das herrschaftliche Schloß nicht wie ein gewöhnlicher Bürger betreten. Er war ein notwendiges Übel, ein Ausgestoßer. Um ungesehen von seinem Wohnort zu seinem grausamen Arbeitsplatz zu gelangen, gab es einen geheimen, unterirdischen Weg. ​Unser Haus war der Ankerpunkt dieses...