Der Wind pfeift heute Nacht besonders rauh durch die Arkaden des Merseburger Kreuzganges. Mancher sagt, es sei nur ein Luftzug von der Saale, doch wir wissen es besser:
Es ist das Schnauben eines Betrogenen, der vor Jahrhunderten an diesen Mauern scheiterte.
Es war die Zeit, als der Kreuzgang entstehen sollte. Ein Meister seines Fachs war bestellt, doch der Geist war müde, und die Steine wollten sich nicht dem Willen des Architekten beugen. In einer Sturmnacht, zwischen zerrissenen Pergamenten und verloschenen Kerzen, tat der Baumeister jenen verhängnisvollen Ausspruch, der die Grenzen zwischen den Welten dünn werden ließ: „Mag der Teufel das Werk vollenden, ich vermag es nicht!“
Man ruft den Beelzebub aber nicht ungestraft oder ohne einen Handel.
Mit dem Geruch von Schwefel und einem Lächeln, das kälter war als der Winterfrost, trat der Gehörnte aus den Schatten. Der Pakt war schnell geschlossen: Ein vollkommener Bau gegen die Seele des Meisters.
Doch der Baumeister war verschlagen, stolz und mit allen Wassern gewaschen.
Während der Teufel in übermenschlicher Geschwindigkeit die Säulen aus dem Boden stampfte, ersann der Meister eine List. Er wusste: Das Böse kann vieles erschaffen, aber es erträgt die Gegenwart des Heiligen nicht.
In der Stunde der Übergabe führte der Baumeister den siegessicheren Satan durch die Gänge. Die Luft war schwer von Weihrauch und dem Echo morgendlicher Gebete, die ein hastig herbeigerufener Priester über die Steine gesprochen hatte.
Der Teufel wand sich, seine Nasenflügel bebten vor Ekel.
„Ist es vollkommen?“, fragte der Meister spöttisch.
„Es ist perfekt! Deine Seele gehört mir!“, krächzte der Satan.
„Nicht ganz“, erwiderte der Baumeister und deutete auf die leere Nische in der Kapelle.
„Wo ist denn das Bildnis des gekreuzigten Heilands am Altar?
Ohne ihn ist dieser Ort nichts als hohles Gestein.“
In diesem Moment erkannte der Teufel den Betrug. Ein Bildnis Christi zu schaffen, war ihm unmöglich. Rasend vor Zorn, die Maske der menschlichen Gestalt fallend, stürzte er in den Hof. Mit glühenden Klauen schlug er nach den Säulen am Ostflügel, fest entschlossen, das Werk in Schutt und Asche zu legen und den Baumeister unter den Trümmern zu begraben.
Doch das geweihte Gestein hielt stand. Funken sprühten, Stein splitterte, aber die Säulen wichen nicht. Nur jene tiefen, schaurigen Furchen blieben zurück – die Teufelskrallen, die wir noch heute mit Schaudern berühren können.
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