Direkt zum Hauptbereich

Der Ritter auf dem Lauchstädter Schlosse



Wenn der Mond bleich über den Türmen des Schlosses steht und der Wind das Knarren der alten Parkbäume bis in den Schlosshof trägt, mischt sich manchmal ein anderes Geräusch darunter. Es ist kein Hufschlag, wie man ihn von einem stolzen Schimmel erwarten würde. Es ist ein metallisches, rhythmisches Quietschen – das Geräusch von Eisen auf Stein.

​Es heißt, wer genau zur Geisterstunde an der Westseite des Schlosses verweilt, sieht ihn: Einen Ritter, dessen Harnisch im Mondlicht matt glänzt. Doch er führt kein Schwert im Gürtel und keinen Schild am Arm. Seine gepanzerten Handschuhe umklammern fest die Griffe einer schweren, hölzernen Sackkarre, die mit unsichtbarer, aber schwerer Last beladen scheint.

​Die Gestalt keucht nicht, sie flüstert nicht. Mit gesenktem Visier schiebt der Geist seine Karre unaufhaltsam über das Pflaster. Sein Ziel ist immer dieselbe Stelle im Mauerwerk – ein Bereich, der heute fest und unpassierbar erscheint. Doch für den Verfluchten öffnet sich der Stein wie Nebel. Kurz bevor er die Wand berührt, hört man das Knirschen der Räder lauter werden, dann herrscht schlagartig Stille. Die Mauer hat ihn und seine Last verschlungen.

​Man sagt, es sei ein ehemaliger Verwalter des Schlosses, der die Handwerker um ihren Lohn prellte und Steine für den Bau seines eigenen Hauses beiseiteschaffte. Nun ist er dazu verdammt, jeden einzelnen Stein dieser Schuld bis zum Ende der Zeit in das Fundament des Schlosses zurückzubringen – ein Bauopfer der besonderen Art, das niemals vollendet wird.



Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Die schwarze Hand im Dom zu Xanten

Es gibt Orte, die einen Menschen nicht mehr loslassen. Meist ist es die Schönheit oder die Geschichte, die zu uns zurückkehrt, doch im Kreuzgang des Doms St. Viktor zu Xanten verbirgt sich eine weitaus dunklere Bindung.  Dort, wo das Licht nur spärlich durch die Maßwerkfenster fällt, ruht eine Grabplatte, die den Atem stocken lässt. ​Wer über die ausgetretenen Steine des Kreuzgangs wandelt, stößt unweigerlich auf eine Darstellung, die so gar nicht in die heilige Ordnung eines christlichen Gotteshauses zu passen scheint. Manche wollen darin den Gehörnten selbst erkennen, andere sehen eine gequälte Seele. Doch das Zentrum des Schauers ist die "Schwarze Hand" . ​Die Legende besagt, dass diese Hand nicht aus bloßer Steinmetzkunst entstand. Sie sei ein Siegel, ein spiritueller Anker in unserer Welt. ​Die Alten erzählen sich hinter vorgehaltener Hand: „Wer die schwarze Hand berührt, der verkauft ein Stück seiner Freiheit an den Dom.“ ​Es ist ein schleichender Fluch....

Die Eselsbank im Dom zu Merseburg

Auf der rechten Seite des Gestühls im Hauptschiff des Merseburger Doms,  findet man die Eselsbank. Diese Bank ist separat von den anderen Bänken aufgestellt. Wer dort sitzen musste, sah auch von der Liturgie während des Gottesdienstes recht wenig und musste sich somit nurmehr auf das Zuhören beschränken.  An der äußeren Sitzwange ist ein Eselskopf eingeschnitzt. Als ich einmal den Dom besuchte , war gerade eine Führung im Gange. Die Leute standen im Mittelgang und hörten den Erläuterungen über die Orgel zu. Um die Führung nicht zu stören, wähle ich den Weg rechts vorbei.  In einem Wortfetzen aus der Führung, hörte ich ein Detail aus der Orgelgeschichte, dass ich noch nicht kannte. Ich hielt kurz inne , als sich aus der Führung ein älterer Mann löste und auf die Eselsbank zuging. Er hatte einen extrem sauberen Bart- und Haarschnitt und trug einen eleganten Anzug. Er packte die Bank an der Lehne und begann damit  die Bank hin und her zu kippeln....

Das Haus des Scharfrichters zu Merseburg

Das Echo der Verdammten: Mein Erbe im Henkerhaus von Merseburg ​Jede Leidenschaft hat einen Ursprung. Meine Suche nach dem Mystischen begann nicht in einem Buch, sondern tief unter der Erde – an einem Ort, den die Sonne seit Jahrhunderten meidet. ​Willkommen in der Unteraltenburg 51 . ​In Merseburg kennt man dieses Anwesen unter dem Namen „Peuschels Gut“. Doch hinter der bürgerlichen Fassade verbirgt sich ein weitaus düstererer Name: Das Henkerhaus. Hier lebte einst der Scharfrichter der Stadt. Ein Mann, dessen Handwerk das Ende bedeutete und der deshalb wie ein Geist zwischen den Welten existieren musste. ​Der unsichtbare Pfad des Scharfrichters ​Man sagt, ein Henker durfte den heiligen Boden des Doms und das herrschaftliche Schloß nicht wie ein gewöhnlicher Bürger betreten. Er war ein notwendiges Übel, ein Ausgestoßer. Um ungesehen von seinem Wohnort zu seinem grausamen Arbeitsplatz zu gelangen, gab es einen geheimen, unterirdischen Weg. ​Unser Haus war der Ankerpunkt dieses...