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Der Tod meldet sich



Man sagt, die Großen dieser Welt fürchten weder Schwert noch Schild, doch wenn der Schatten selbst an ihr Lager tritt, beugt sich auch die stolzeste Krone.

​Es war im Jahre des Herrn 973, als Kaiser Otto I., den man den Großen nannte, in den dichten Wäldern längs der Saale, die Jagd suchte. Der Wald stand still an jenem Tag, als hätte das Wild bereits den Atem angehalten. Von der bleiernen Müdigkeit der Herrschaft und der Hatz überwältigt, ließ sich der Kaiser nieder. Sein Haupt ruhte auf dem Schoß eines treuen Ritters, das Moos sein Bett, das Rauschen der Blätter sein Schlaflied.

​Doch im Reich der Träume wartete kein Frieden.

​In der Schwärze seines Geistes erhob sich eine Gestalt, so gewaltig, dass sie die Wipfel der höchsten Eichen wie Grashalme überragte. Eine Frau, gehüllt in ein Gewand aus tiefster Umnachtung, das Gesicht ein Abgrund aus Schatten. Die Luft um sie her schmeckte nach Verfall und feuchter Erde.

​Mit einer Stimme, die wie mahlende Steine in der Tiefe klang, sprach sie zu dem Bebenden. Otto, der vor keinem Heere gewichen war, fragte mit zitternden Lippen:

"Wer bist du, Ungetüm, das den Himmel verdeckt? Was suchst du in meinem Reich?"

​Die Gestalt neigte sich herab, und ein eisiger Hauch legte sich auf das Herz des Kaisers.

"Man nennt mich  Bauchfluss," flüsterte sie, und ein unheilvolles Glimmen schien aus ihrer Mitte zu dringen. "Ich bin nicht gekommen, um dein Land zu erobern, sondern um in dir zu wohnen. Ich werde dein Gast sein, in deinen Eingeweiden nisten und an deinem Lebensfaden zehren. Und wenn ich mit dir fertig bin, werde ich weiterziehen, um mich in den Leibern von sieben deiner Fürsten zu verbergen."

​Als der Kaiser erwachte, war der Wald derselbe, doch der Mann war ein anderer. Die Kälte des Schattens wich nicht mehr aus seinen Gliedern. Bald schon, in der Pfalz zu Memleben, erfüllte sich das düstere Versprechen. Die Dysenterie – die rote Ruhr – riss mit kralligen Händen an seinem Innersten. Das Licht seines Lebens erlosch, so wie die Frau es prophezeit hatte.

​Doch der Hunger des Schattens war noch nicht gestillt. Wie ein unsichtbares Lauffeuer sprang der Fluch über. Noch im selben Jahr sanken sieben weitere Fürsten des Reiches in den Staub, einer nach dem anderen, gezeichnet von derselben finsteren Macht.

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