Es war in einer jener Nächte, in denen der Mond sich hinter den Wolken versteckt wie ein Dieb vor dem Henker, als ein junger Bursche aus Bedra den Heimweg antrat. Der Wein aus den Freyburger Kellern floss noch warm und mutig durch seine Venen, und das Lachen des Zechgelages hallte in seinem Kopf wider – ein gefährlicher Schild gegen die Stille der Natur.
Die Begegnung am Ufer
Als er die Leiha bei Schortau erreichte, dort, wo das Bächlein silbrig und tückisch durch das Geiseltal gleitet, geschah es. Aus dem Nebel schälte sich eine Gestalt: Die Waschfrau.
Kein Wort entwich ihren Lippen, doch ihre Bewegungen hatten eine unnatürliche, fließende Anmut. Sie winkte. Und wie unter einem Bann – vielleicht war es der Wein, vielleicht der Zauber der Nacht – folgte ihr der Jüngling. Sie führte ihn nicht etwa in eine bescheidene Hütte, sondern direkt an das schlammige Ufer.
Das Festmahl der Schatten
Dort, wo eigentlich nur Krötenrufe und das Rascheln des Schilfs zu erwarten waren, bot sich ihm ein Bild des Wahnsinns: Ein prunkvoller Tisch stand bereit, beladen mit Speisen, die so köstlich dufteten, dass sie den Verstand vernebelten, und Weinen, die in Kristallkelchen funkelten. Doch die Gäste... ach, die Gäste!
Es war eine Gesellschaft „unheimlicher Gestalten“. Bleiche Gesichter, Augen, die im Dunkeln glühten wie sterbende Kohlen, und eine Stille, die schwerer wog als der Merseburger Domstein. Der Bursche, berauscht und hungrig, setzte sich zu ihnen. Er wollte zugreifen, wollte Teil dieser Geistertafel werden.
Die Macht des Glaubens
Doch eine alte Gewohnheit rettete seine Seele. Bevor der erste Bissen seine Lippen berührte, hielt er inne. Die Erziehung seiner Mutter, das ferne Läuten der Kirchenglocken in seinem Gedächtnis – er hob die Hand und vollzog das Kreuzzeichen, um sein Tischgebet zu sprechen.
In diesem Augenblick zerriss die Realität.
Ein gellender Schrei, der weder menschlich noch tierisch klang, fuhr durch die Nacht. Mit einem Schlag erlosch der Glanz. Der Wein verwandelte sich in Brackwasser, die Speisen in moderndes Laub, und die festliche Tafel war nichts als ein verrotteter Baumstamm im Morast.
Das grausige Antlitz
Nur die Waschfrau blieb. Sie drehte sich langsam zu ihm um. Ihr Gesicht war nun keine Maske mehr, sondern ein Spiegel des Schreckens – hohlwangig, mit Augen, die die Kälte des Grabes ausstrahlten. Mit einer Stimme, die wie das Reiben von Grabplatten klang, sprach sie die Warnung aus, die noch heute in den Gassen von Schortau geflüstert wird:
„Jüngling, heute ist ein Tag, den man nicht mit Vergnügung entweihen, sondern heiligen soll!“
Dann löste sie sich im Nebel auf und ließ den zitternden Mann allein in der Dunkelheit zurück.
Kommentare
Kommentar veröffentlichen